Neues aus dem Landkreis
Schätze aus dem Kreisarchiv: Das Rätsel um Nathan Ries
Geschützt hinter einer Feuertür gelangt man im Landratsamt Schwäbisch Hall durch ein besonderes Tor der Geschichte: Das Kreisarchiv. Von handschriftlichen Urkunden über seltene Fotografien bis hin zu außergewöhnlichen Gegenständen – „Die Sammlung bietet einen faszinierenden Einblick in das historische Gedächtnis des Landkreises und macht Vergangenheit lebendig“, unterstreicht Kreisarchivar Daniel Stihler. Eine dieser Archivalien ist der Auswanderungs-Pass des jüdischen Jugendlichen Nathan Ries aus Michelbach an der Lücke, der 1882 im Alter von nur 17 Jahren nach New York auswandern wollte.
„Dieses seltene, handbeschriebene Dokument ist ein Äquivalent zum heutigen Reisepass“, erläutert Stihler. Da Fotografien in der breiten Bevölkerung zu jener Zeit noch nicht üblich waren, enthält der Pass unter anderem eine detaillierte Beschreibung von Nathan Ries. Von der Augen- sowie Haarfarbe „blaugrau“ und „blond“, über seine Gesichtsform „oval“ wie Statur „schlank“ bis hin zu seinen Zähnen „gut“.
Wegzüge aus Deutschland waren in dieser Epoche keine Seltenheit. „Deutschland war im 19. Jahrhundert ein Auswanderungsland“, so der Kreisarchivar. „Viele Menschen erhofften sich beispielsweise in Amerika bessere Perspektiven.“ So vielleicht auch Nathan und dessen jüngerer Bruder David Ries, der wohl zeitgleich mit ihm einen Antrag für die Ausreise stellte. Vermutlich wollten sie zu ihrem älteren Bruder Abraham, der bereits in den USA lebte.
Dass es sich bei Nathans Auswanderungs-Pass heute dennoch um ein seltenes historisches Dokument handelt, ist dem Umstand geschuldet, dass dieser 1882 dann doch nicht nach Amerika auswanderte. Das Schriftstück verblieb in den Akten des Oberamtes Gerabronn, einem Vorläufer des heutigen Landratsamtes. Als Dachbodenfund kamen diese Akten und mit ihm der Ausweis vor einigen Jahren aus dem alten Oberamtsgebäude zum Haller Kreisarchiv.
Doch, was wurde aus Nathan? „Es gibt vage Hinweise darauf, dass Nathan einige Jahre später für kurze Zeit doch noch nach Amerika ging“, vermutet Kreisarchivar Daniel Stihler. Offenkundig kam er im Anschluss allerdings wieder zurück in seine Heimat. Denn: „Sicher wissen wir, dass Nathan 1898 in Ichenhausen heiratete und mit seiner Ehefrau Fanni drei Kinder bekam. 1907 verstarb Nathan Ries mit nur 42 Jahren in Folge eines Hirnschlags in Michelbach an der Lücke.“ Auf dem dortigen jüdischen Friedhof ist sein Grabstein noch heute zu finden.
Das Kreisarchiv im Landkreis Schwäbisch Hall
Rund 2,5 Kilometer an Archivalien – historische Dokumente, Kreistagsprotokolle, Objekte, Fotografien und mehr – umfasst der Bestand des Kreisarchivs gegenwärtig. Das Kreisarchiv ist nicht nur das Gedächtnis der Verwaltung, sondern auch eine zentrale Anlaufstelle für Forschung zur Geschichte des Landkreises und seiner Gemeinden. Mehr dazu unter www.LRASHA.de sowie per Mail an: Kreisarchiv(@)LRASHA.de
