Neues aus dem Landkreis
Schätze aus dem Kreisarchiv: „Mit herzlichem Gruß, Dein Paul“ – Feldpostbriefe aus einem zerstörten Leben
Wir schreiben das Jahr 1909. Der etwa 13-jährige Paul Weller aus Gaildorf sitzt da und zeichnet. Auf dem Papier vor ihm erwacht der Haller Pechnasenturm Stück für Stück aus Farbe und Bleistiftstrichen zum Leben. Paul ist ein sensibler junger Mann mit einigem Talent, wie die Zeichnung beweist. Außerdem hat er Pläne: Später wird er ein Theologiestudium an der Universität Tübingen beginnen. Doch der 1. Weltkrieg zerstört diesen und jeden weiteren seiner Lebensträume.
„Paul Weller hatte das große Unglück, als Soldat einige der schrecklichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs mitzuerleben“, legt Kreisarchivar Daniel Stihler dar, der sich mit dem jungen Mann ausführlich beschäftigt hat. „Unter anderem die verlustreiche Schlacht an der Somme in Frankreich 1916 mit insgesamt 1,2 Millionen Toten, Verwundeten und Vermissten auf einem Abschnitt von nur 40 Kilometern. Zudem die dritte Flandernschlacht 1917 sowie die Schlacht bei Amiens von 1918, in der sein Regiment praktisch komplett vernichtet wurde“, beschreibt er. Über den Nachlass der Familie kamen 2025 zahlreiche handgeschriebene Feldpostbriefe von ihm – viele davon an seine Mutter und seinen Bruder Karl (später Schultheiß/Bürgermeister in Oberrot) gerichtet–, Fotografien, Zeichnungen und auch Auszeichnungen zum Bestand des Kreisarchivs. „Diese Feldpostbriefe sind ein eindrückliches Zeugnis davon, welch schreckliche Dinge Paul erleben musste. Und sie zeigen, was extreme Gewalterfahrungen anrichten können, selbst wenn man sie körperlich unversehrt übersteht.“
Ungewöhnlich sei, wie detailliert der junge Soldat seinen Leidensdruck niederschrieb. „In der Regel drehen sich Feldpostbriefe eher über Banalitäten des Alltags, etwa die Ernte oder wie es der Familie gehe“, weiß Stihler. „Sie hatten gemeinhin die Funktion, die Verbundenheit mit der Heimat aufrechtzuerhalten.“ Geschehnisse auf dem Schlachtfeld wurden eher nicht thematisiert, da sie auch sprachlos machten. Anders bei Paul Weller, was die Feldpostbriefe als geschichtliche Quelle außergewöhnlich macht.
Feldpostbrief Paul Weller an seine Mutter Dora, Schultheißenwitwe in Gaildorf:
„Bin noch am Leben, wir sind noch hier, waren jetzt das 2te mal vorn und sollen vielleicht noch einmal vor. Es ist gräßlich, so etwas mitmachen zu müssen. Man kann es gar nicht beschreiben. Du hast ja das nötige aus der Zeitung gelesen. Wenn es nur Gottes Wille wäre, daß dieses Morden ein Ende hätte. Denn etwas anderes ist dies nicht als ein Massenmord. Das einzige, was man noch tun kann, ist beten. Mit herzlichem Gruß Dein Paul“
(Dritte Flandernschlacht, September 1917)
Weitere Briefauszüge Paul Weller (Zitatauswahl):
- „man ist eben hier kein Mensch mehr. Wenn man auch das Allernötigste entbehren muss und ständig in Lebensgefahr ist, dann wird man ganz gleichgültig gegen alles (…).“, (Januar 1916)
- „… die Engländer benutzten jetzt ein Gas, das ganz süßlich schmeckt (…)“ (Gasangriffe, April 1917)
- „… Gräben hat man hier keine mehr, alles ist ebengeschossen, nur Granattrichter, die mit Schlamm u. Wasser gefüllt sind (…)“, (August 1917)
- „… du darfst mir glauben, was das für ein Gefühl ist, jede Minute gewärtig sein, daß man unter Betonklötzen begraben wird (…)“,
(August 1917, schwerer Beschuss durch britische Artillerie. Anm.: Die Schlachten des 1. Weltkriegs waren von schwerstem Artilleriebeschuss geprägt, der totale Zerstörung hinterließ und ganze Städte, Dörfer und Wälder zum Verschwinden brachte. Enorme Verluste verursachten auch die erstmals in großer Anzahl verwendeten Maschinengewehre.)
- „Ich bin körperlich und seelisch ganz kaput, es ist zum Verzweifeln.“ (April 1918) sowie: „Ich bin ganz kaput, auf den Nerven u. überall. Das komt von alledem, was man schon hat durchmachen müssen.“ (Mai 1918)
- Erste Welle der Spanischen Grippe, einer weltumspannenden Pandemie, die 1918-1920 bis zu 50 Millionen Menschenleben kostete: „Es ist eine Seuche, meist mit hohem Fieber verbunden (…)“ (Juli 1918)
Obwohl Paul Weller körperlich weitestgehend unversehrt aus dem Krieg zurückkehrte, konnte er das Erlebte nicht verwinden. „Zunächst versuchte er, sein Theologiestudium an der Universität Tübingen wieder aufzunehmen“, dies hat der Kreisarchivar aus den vorhandenen Unterlagen und Briefen rekonstruiert. „Letztlich konnte er mit seinen Kriegserfahrungen aber nicht umgehen und ist am Ende daran zerbrochen.“ Paul Weller starb am 11. Juli 1928 in der Heilanstalt Weinsberg, wo er zuletzt untergebracht war. Er war zu dieser Zeit erst 32 Jahre alt.
Paul Weller
Paul Weller wird am 5.12.1895 als einer von vier Söhnen des Stadtschulheißen (Bürgermeisters) in Gaildorf geboren. Er beginnt ein Theologiestudium an der Universität, wird aber 1915 im 1. Weltkrieg eingezogen, wo er drei der blutigsten und verlustreichsten Schlachten des 1. Weltkriegs als Soldat miterleben muss. Seinen zunehmenden Leidensdruck schreibt er sich in Form von Feldpostbriefen an die Familie von der Seele. Nach dem 1. Weltkrieg versucht Paul Weller, sein Theologiestudium wieder aufzunehmen. Aufgrund seines seelischen Leidens, heute würde man von einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, wird er zunächst in eine Tübinger Klinik eingeliefert. Die heutigen Therapiemöglichkeiten sind damals jedoch noch unbekannt.
Später ist Paul Weller in der Heilanstalt Weinsberg untergebracht, wo er am 11. Juli 1928 stirbt.
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