Landkreis Schwäbisch Hall

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Ein Interview mit der Leiterin des Gesundheitsamtes Frau Dr. Welisch

[Artikel vom 19.04.2021]

Seit dem ersten Fall im Landkreis Schwäbisch Hall ist inzwischen über ein Jahr vergangen. Das Gesundheitsamt spielte in den vergangenen Monaten eine tragende Rolle. Wie haben Sie das Jahr erlebt?
Die Corona-Pandemie löste auch im Gesundheitsamt eine Ausnahmesituation aus. Insbesondere zu Beginn waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefordert um Bürgerinnen und Bürger mit den nötigen Informationen zu versorgen. Die Einrichtung der Corona-Hotline und die Sicherstellung der Kontaktnachverfolgung forderte unsere Kapazitäten heraus. Zur Unterstützung wurden Mitarbeiter aus anderen Ämtern abgezogen oder neu eingestellt. Das Team des Gesundheitsamtes wuchs damit von 29 auf derzeit 110 Mitarbeiter an. Wir befinden wir uns im Landkreis noch immer auf einem sehr hohen Niveau der Inzidenz. Infolge dessen spielt die Kontaktverfolgung auch weiterhin eine wichtige Rolle. Außerdem geht es in der jetzigen Phase weiter darum, vulnerable Gruppen zu schützen, indem man Ausbrüche erkennt und diese eindämmt. Ich bin dankbar für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Gesundheitsamt an Werktagen, sowie an Feiertagen und am Wochenende nun schon seit so vielen Monaten unterstützen.

Insbesondere in den vergangenen Wochen gab es im Landkreis Schwäbisch Hall vermehrt Corona-Ausbrüche in Unternehmen. Wie geht das Gesundheitsamt in solchen Fällen vor?
Nach dem Bekanntwerden von Infektionen in einem Betrieb, nimmt das Gesundheitsamt Kontakt mit Unternehmen auf. Es wird das dortige Hygienekonzept angefordert und analysiert sowie ein Testkonzept erarbeitet, sofern ein solches noch nicht vorhanden ist. Die meisten Unternehmen unterstützen uns dabei sehr gut und nennen die jeweiligen Kontaktpersonen im Betrieb. Auf diese Weise können Kontaktpersonen frühzeitig in Quarantäne geschickt und Infektionsketten unterbrochen werden.

Was passiert nach Bekanntwerden eines Falls in einer Kita oder Schule?
Nach Auftreten einer Infektion in einer Kita oder Schule kommt es zur Kontaktaufnahme zwischen Schule / Kita und dem Gesundheitsamt. Gemeinsam wird die Situation analysiert und festgelegt, wer eine „enge Kontaktperson“ ist und wer nicht. Tragen Kinder keine Maske, muss die ganze Gruppe in Quarantäne. Vom Sozialministerium gibt es die dringende Empfehlung nach dem Auftreten einer Virusvariante ganze Einrichtungen zu schließen. Nachdem die britische Virusvariante weit verbreitet im Landkreis ist, folgen wir dieser Empfehlung. Wenn möglich, wird aber trotzdem zuerst eruiert, wer wirklich Kontakt zu der erkrankten Person hatte. Sofern dies möglich ist, werden nur einzelne Gruppen geschlossen. In der Regel beträgt die Quarantänedauer dann 14 Tage.

Von allen Seiten werden derzeit die Warnungen vor der Corona-Mutation laut. Wie sieht die Verbreitung der Mutation derzeit im Landkreis Schwäbisch Hall aus?
Die britische Virus-Variante kommt derzeit in über 80 % der Fälle vor.
Wie schätzen Sie die Mutation ein?
Die Verbreitung der Virus-Variante erfolgt sehr schnell, die Symptome sind in der Regel mild. Aber das gilt natürlich nicht für jeden Krankheitsverlauf mit dieser Variante.

Die sieben Tagesinzidenz im Landkreis liegt weiterhin deutlich über dem Landesdurchschnitt. Worauf sind die erhöhten Werte zurückzuführen? Ist das Gesundheitsamt noch in der Lage die Kontakte nachzuverfolgen?
Im Landkreis gab es in den letzten Wochen mehrere Corona-Ausbrüche in Kitas und Unternehmen. Von einer Infektion sind häufig nicht nur die positiv getesteten Personen selbst, sondern in der Folge auch die Familien betroffen. Zudem ist das Infektionsgeschehen weiterhin diffus, sodass ca. 30% der infizierten Bürgerinnen und Bürger nicht mitteilen können, wo sie sich angesteckt haben. Angesichts des vor Kurzem extrem hohen Anstiegs der Inzidenzwerte im Landkreis gab es Verzögerungen bei der Kontaktpersonennachverfolgung durch das Gesundheitsamt. Die Landkreisverwaltung hat deshalb kurzfristig mit zusätzlichem Personal verstärkt, welches zuerst eingearbeitet werden musste.
Die Vorgänge sind inzwischen aber vollständig aufgearbeitet. Seitdem ist die Kontaktpersonennachverfolgung im Gesundheitsamt wieder auf dem aktuellen Stand.
Es ist wichtig, dass sich Personen, die wissen, dass sie Kontaktperson sind oder Symptome einer Coronainfektion aufweisen, selbstständig in Quarantäne begeben.

Gibt es für Bürgerinnen und Bürger Möglichkeiten das Gesundheitsamt zu unterstützen?
Ich glaube, wir alle sind inzwischen müde es zu hören, aber die größte Unterstützung bieten Bürgerinnen und Bürger, die sich an die aktuell geltenden Hygienemaßnahmen halten, ihre Kontakte weiterhin auf ein Mindestmaß reduzieren und die verordnete Quarantäne strikt einhalten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist „Geduld“. Uns alle fordert es derzeit heraus, auch nach diesem langen Jahr weiterhin dranzubleiben und vernünftig zu agieren. Die voranschreitenden Impfungen und der Beginn der wärmeren Jahreszeit, geben Hoffnung auf eine Veränderung der Umstände.

Im Internet oder in Flyern kursieren immer häufiger Meldungen, die die Corona-Pandemie anzweifeln, die von Bund und Land beschlossenen Maßnahmen und die Sicherheit Impfstoffe in Frage stellen. Was können Sie dazu sagen?
Wer eine globale Pandemie durch Corona-Viren leugnet, muss seine Augen bewusst vor dem schließen, was im letzten Jahr und immer noch auf der Welt passiert.
Was das Kritisieren der Maßnahmen angeht: Es ist das gute Recht jeder Person die Maßnahmen in Frage zu stellen. Wir sehen allerdings am Verlauf in anderen Ländern, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, dass das Gesundheitssystem und die medizinischen Einrichtungen an den Rand ihrer Belastungsgrenze kommen. Um dies zu verhindern, sind beschränkende Maßnahmen dringend notwendig.
Die Impfungen sind ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie. Die Impfstoffentwicklung wurde aufgrund der akuten Situation beschleunigt. Dafür wird aber nicht auf eine kritische Prüfung des Impfstoffs verzichtet. Mittlerweile sind mehrere Impfstoffe in Deutschland zugelassen, die sich unter anderem durch verschiedene Wirkungsweisen unterscheiden. Sofern hierzu Fragen bestehen, können sich die Bürgerinnen und Bürger vertrauensvoll an die Ärzte der Impfzentren oder Hausärzte wenden.

Wie ist der genaue Ablauf, wenn das Gesundheitsamt Kenntnis über eine positiv getestete Person erlangt hat? Hat das Gesundheitsamt auch Kenntnis darüber, ob und welche Symptome die Infizierten haben?
Jede positiv getestete Person wird von einem Arzt oder Hygienekontrolleur des Gesundheitsamtes angerufen und nach Symptomen gefragt. Es werden in diesem Gespräch auch andere Fragen geklärt, beispielsweise, ob die uns bekannte Adresse korrekt ist, wann der Test war, ob die Person geimpft ist, wo sie arbeitet und in welchem Umfeld sie wohnt. Dann wird die Quarantänedauer berechnet. Von der Person wird anschließend eine Liste ausgefüllt mit den engen Kontaktpersonen, die von uns anschließend angerufen werden. Die betroffenen Personen werden aber bereits gebeten, selbständig die Kontaktpersonen zu informieren.
Derzeit sind überwiegend zwar milde, aber dennoch häufiger Symptome festzustellen als in der Hochphase vor Weihnachten. Leider kommt es jedoch auch jetzt wieder zu schweren, intensivpflichtigen Erkrankungen und Todesfällen.

Gibt es mittlerweile schon Lockerungen für vollständig geimpfte Personen?
Ja, ab Montag, 19.04.2021 müssen Personen, die vollständig geimpft sind als enge Kontaktpersonen nicht mehr in Quarantäne, sofern sie keine Symptome haben. Als vollständig geimpft gilt man, wenn seit der letzten vorgeschriebenen Impfdosis 14 Tage vergangen sind.

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